Dziubas und die indische Bürokratie (Teil 1)

Wir waren ja vorgewarnt. Die indische Bürokratie ist kompliziert und folgt in der Regel keiner Logik. Bevor wir unser Visum beantragten, haben wir bis ins Detail recherchiert, welches der möglichen Visa wir beantragen müssen und herausgefunden, welche Unterlagen, Kopien, Fotos usw. benötigt werden, alles sorgfältig vorbereitet und wie gefordert erst online abgeschickt, dann noch in Papierform in den Umschlag gesteckt – und zufällig zwanzig Minuten bevor die Post schließt, im aller hintersten Winkel der Internetseite des Konsulats entdeckt, dass der Antrag doppelt ausgedruckt verschickt werden soll. Abends rechneten wir aus: Zwei bis drei Wochen dauert die Bearbeitung eines Visa-Antrags in der Regel. Bei unserer komplexen Sachlage gingen wir von drei Wochen aus und kamen zu dem Schluss, dass die Unterlagen etwa zwei Tage vor dem Abflug bei uns sein könnten.

Ein paar Tage später kam ein Anruf: das Business-Visum was wir für mich beantragt hatten, könne mir nicht ausgestellt werden, ich bräuchte ein Arbeitsvisum. „Aber ich erfülle doch gar nicht alle Kriterien! Kann ich dann überhaupt ein Arbeitsvisum bekommen?“, fragte ich den Mitarbeiter. Scheinbar schon, ich sollte nur meinen Arbeitsvertrag nachreichen. Also alles einscannen, vorsichtshalber nochmal mit Delhi House telefonieren und dann feststellen, dass ab 16 Uhr im Konsulat Feierabend ist. Zur Sicherheit rief ich am nächsten Morgen nochmal den Mitarbeiter an und zählte ihm auf, welche Kriterien ich für das Arbeitsvisum nicht erfüllte und auch welche Unterlagen normalerweise dafür erforderlich waren – ich sollte wirklich nur den Vertrag nachreichen? Ja. Oder nee, lieber noch einen Wisch vom Arbeitgeber, dass ich wirklich mein Gehalt aus Deutschland und nicht vom indischen Unternehmen erhielt. Ich legte auf. Ein paar Minuten später rief der Mitarbeiter mich wieder an. Den Wisch müsste mir die indische Organisation mit der ich dort arbeitete auch ausstellen. Bis wir alles zusammen hatten, war wieder ein Tag um.

Neun Tage Funkstille. Dann wieder ein Anruf: Aus den Unterlagen gehe nicht ausreichend hervor, welche Aufgaben ich in Delhi hätte. Tja, das hatten wir bisher ja so genau auch nicht festgelegt. Bitte schriftlich nachreichen, war die Anweisung. Das taten wir und erhielten anschließend den vierten Anruf: Bitte nächste Woche zum Interview im Konsulat in Frankfurt erscheinen. Ein paar schlaflose Nächte, eine kleine Krisensitzung und viele Gebete später stehen wir also im Konsulat und werden (im Warteraum!) darüber aufgeklärt, dass ich die Kriterien für ein Arbeitsvisum nicht erfülle – im Detail werden mir dann die Dinge genannt, nach denen ich in den ersten beiden Telefonaten explizit mehrfach gefragt hatte. Diese Dinge müssten im Arbeitsvertrag berücksichtigt werden, ob wir das nicht mit dem Verein klären und den Vertrag dann vorbei bringen könnten? Vorbeibringen? Innerlich sehe ich uns die nächste Woche noch dreimal (Vertag hinbringen, nach der Bearbeitung die Visa abholen, am nächsten Tag zum Flughafen) nach Frankfurt sausen. „Wenn das nicht anders geht,“ stammeln wir also und ernten leichte Irritation.

„Ist das ein Problem? Wo wohnen Sie denn?“ „Essen.“ „Das ist doch nicht so weit. 15 Km oder?“ „Ähm. Eher 250.“

Es spricht für den Beamten, dass er angesichts der Sinnlosigkeit, dass wir für dieses 10-Minütige Gespräch persönlich erscheinen mussten, etwas bestürzt war. Er räumte ein, dass es wohl in Ordnung wäre, den Vertrag zu mailen.

Wir haben es, zurück in Essen, tatsächlich mit dem Verein hingekriegt, den Vertrag so zu überarbeiten, dass er (nach den aktuellen Kenntnissen) den Anforderungen entspricht. Theoretisch könnte es also sein, dass wir nun ein Visum bekommen. Aber warten wir´s ab, die scheinen ja ziemlich kreativ zu sein, da im Konsulat…